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Tragikomödie auf Amazon: Simpel

Es gibt Filme, die rühren zu Herzen. Und es gibt Filme, die berühren das Herz. Diesen feinen Unterschied weiß "Simpel" zu treffen. In der feinfühligen Romanverfilmung der gleichnamigen Vorlage beweisen Frederick Lau und David Kross als ungleiches Brüderpaar, was Verantwortung, Zusammenhalt und Geschwisterliebe bedeutet. Ein Film, der in den deutschen Kinos mehr Aufmerksamkeit verdient hätte.


  • Kinostart war am 09.11.2017.
  • Der Film lautet im Original Simpel.
  • Produziert 2017 in Deutschland.
  • Laufzeit beträgt 114 Minuten.
  • Regie übernahm Markus Goller.
  • In den Hauptrollen spielen Frederick Lau, David Kross, Emilia Schüle und Devid Striesow.
  • Für alle Fans des Genres Tragikomödie geeignet.
  • Trailercheck am Ende des Beitrags!

Wenn Romane den Weg auf die Leinwand finden, wird die literarische Vorlage gern als werbeträchtiges Marketingmittel in Kampagnen eingebunden. Das Buch zum Film, der Autor als Aushängeschild und die buchstabengenauen Vergleiche zur Vorlage werden zur Unterstützung herangezogen. Selten hat der Film eine Chance, sein eigenes Publikum zu finden. Die Leser haben zu hohe Erwartungen, die Nicht-Kenner stöhnen über eine weitere Adaption irgendeines Bestsellers. Man würde also gut daran tun, die Herkunft seines Stoffes nicht immer preiszugeben. Der Film von Markus Goller geht genau diesen Schritt.

 

Nach "Friendship!" und "Frau Ella" hat der Regisseur mit Simpel einen wunderbar leisen Film geschaffen, der noch eine Spur ernster wirkt als seine Vorgänger. Ben lebt zusammen mit seiner schwer kranken Mutter und seinem geistig behinderten Bruder Barnabas - genannt Simpel - im Norden am Deich. Als die Mutter stirbt, soll Simpel in ein Heim kommen, in dem er unter Ganztagsbetreuung gestellt werden soll. Doch Ben will seinen Bruder nicht gehen lassen und Simpel will sein Zuhause nicht verlassen. In einer halsbrecherischen Aktion kapern die beiden Jungs einen Polizeiwagen und machen sich auf den Weg nach Hamburg. Dort lebt der einzige Mensch, der Ben das Sorgerecht für seinen Bruder zusprechen kann - ihr Vater. Doch der Kontakt zwischen Vater und Sohn ist schon lange abgebrochen.

Charmante Naivität

Es wäre leicht dem Film vorzuwerfen, dass sich seine Figuren naiv verhalten. Die Schwere der geistigen Einschränkung von Simpel und die Lebensumstände der Familie lassen von Beginn an nur die logische Konsequenz gelten, dass Ben einen Kampf gegen Windmühlen führen wird und ihm das Sorgerecht nie zugesprochen wird. Es ist ein Fluchtreflex vor der eigenen Unsicherheit, der Ben zum Abhauen verleitet und mit Simpel in ein Abenteuer aufbricht, welches zu keinem Zeitpunkt unter seiner Kontrolle ist. Der große Bruder will seinen kleinen Bruder beschützen und handelt in diesem Falle verständlich naiv, wie es nur Simpel tun könnte.

 

Mit einem gestohlenen Polizeiwagen beginnt die Reise in ein unbekanntes Abenteuer. Jede neue Hürde versucht Ben mit Charisma zu lösen, verpackt die Schwierigkeiten für Simpel als Spiel und hält die Fassade einer Hoffnung aufrecht, die mit jeder Sekunde zerbricht. Es ist das Greifen nach jeder denkbaren Möglichkeit, die ein gemeinsames Leben zwischen den Brüdern für eine Sekunde denkbar erscheinen lässt. Doch schon im nächsten Augenblick klopft die Vernunft an und raubt auch dem Zuschauer den Glauben an ein Happy End. Das Wechselbad der Gefühle erwischt jeden, der sich schon einmal für eine Sache aufopferte, deren Ausgang im eigenen Kopf längst eine ganze andere Richtung eingeschlagen hatte.

Ode an die Menschlichkeit

Genau an dieser Stelle entfaltet das Drama seine empathische Stärke. Der emotionale Ausbruch vor den drohenden Maßnahmen des Gesetzes und die anschließende Odyssee durch Schleswig-Holstein bis nach Hamburg bauen einen Kosmos auf, der nur zwei Personen zulässt - Ben und Simpel. Die Bindung der Figuren, die man Frederick Lau und David Kross aus schauspielerischer Sicht jederzeit glaubhaft abnimmt, ist der treibende Motor des Drehbuchs. Es ist ein Loblied auf den Umgang zwischen Menschen unabhängig von ihrem geistigen Zustand. Akzeptanz, Konfrontation und Verständnis sind die drei großen Themen mit denen das Drehbuch hantiert und durch punktuelle Platzierung der Nebenfiguren, die Simpel in Hamburg begegnen, von unterschiedlicher Seite beleuchtet.

 

Ob Randgruppen, Einzelgänger oder scheinbar glückliche Figuren - sie alle werden durch die Begegnung mit Simpel in ihrem Dasein wachgerüttelt. Denn trotz aller Schwierigkeiten in seinem Leben ist Simpel eines: Glücklich mit dem, was er hat und wen er um sich hat. Eine Tatsache, die nicht nur die Figuren, sondern auch der gängige Zuschauer oft vergisst und das Handeln in ungeahnte Richtungen lenkt. Am Ende erkennt Ben diese Lektion, wenn das Glück von Simpel über der dunklen Aussicht seiner eigenen Zukunft steht. Doch diese Lektion ist keine Bestrafung. Es ist der Beweis, dass wir für die richtigen Entscheidungen den Konsequenzen selbstbewusst ins Gesicht blicken können.

 

Ohne Umschweife bringt "Simpel" ein kleines Glanzstück auf den Bildschirm, der in seiner Tonalität an "Absolute Giganten" erinnert. Ein kleiner Film mit großer Wirkung, der nicht nur Hamburgern und Nordlichtern gefallen wird.

 

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Bildcredits: Universum Film